Leben

|on my mind| Guckt mal, die wird ja rot

Januar 24, 2017

Manche Teenager müssen sich mit schrecklich unreiner Haut herumplagen, andere leiden unter Stimmungsschwankungen und wieder andere leben mit der ständigen Angst plötzlich, wie aus dem Nichts, zu erröten und nicht mehr Herr ihrer selbst zu sein. Das unkontrollierbare Erröten oder vielmehr die Angst davor, wird in der Welt der Wissenschaftler als „Erythrophobie“ bezeichnet und in die Kategorie der sozialen Phobien eingeordnet.
Unsensible Texte, die im Internet kursieren oder in ach so schlauen Magazinen abgedruckt werden, reduzieren den plötzlichen Wechsel der Gesichtsfarbe oft auf Situationen, die dem Betroffnen peinlich sind. Wie komplex diese Last allerdings seien kann, teilen erstaunlich wenige. Ich habe in den letzten Jahren viel über dieses Phänomen nachgedacht, über die Auswirkungen die es auf meine Kindheit und Jugend hatte und bin über dieses Grübeln ins Gespräch mit vielen anderen Mädchen und Jungen gekommen, die sich ebenfalls damit herumgeschlagen haben. Bei mir hat sich dieses unberechenbare Monster irgendwann, mit Anfang 20 verkrümelt, aber was ist mit den Menschen, die ihr Leben lang mit dieser Angst umgehen müssen, plötzlich zu erröten und dafür von der Gesellschaft sanktioniert zu werden?

Verschiedene Ursachen und Ausprägungen

Der Grund warum Menschen unerwartet erröten ist so vielfältig wie alles andere an uns, das habe ich in den letzten Jahren gelernt. Während viele ihr Erröten mit Schüchternheit oder typisch peinlichen Situationen, wie einem Sturz oder dem falschen Beantworten einer Frage begründen, hatte das Phänomen bei mir mit keinem dieser beiden Dinge zutun. Obwohl ich kein besonders kontaktfreudiger Mensch bin und mich nur langsam in neuen Gruppen zurechtfinde, hatte ich nie ein Problem damit vor Publikum zu sprechen, Referate zu halten oder meine Meinung konsequent zu vertreten. Viel mehr Angst hatte ich mein Leben lang vor der Kontaktaufnahme mit Menschen, die ich für klug oder sensibel halte, die ich nicht enttäuschen will oder von denen ich denke, dass sie mir mit einer hohen Erwartungshaltung gegenübertreten. Das Wissen darüber jeden Moment rot zu werden hat mich im Vorfeld schon so gelähmt und verunsichert, dass die Begegnung mit von mir wertgeschätzten Menschen zu einer Qual wurde.
An dieser Stelle versucht man Lösungen für das Problem zu finden oder seinen Körper auszutrixen. Ich habe das mit einer minutiösen Vorbereitung auf Gespräche oder Begegnungen versucht. Die Idee im Vorfeld schon alle „gefährlichen“ Situationen durch geschicktes Taktieren aus dem Weg zu räumen, funktioniert aber nicht und verschlimmert das ganze Schlamassel meistens. Meine Schwester stellte vor einigen Wochen eine Vermutung über mein Erröten auf, mit dem ich besonders in der Jugend kämpfte.

„Bei dir hat das was mit Empathie zutun. Wenn du auf einen genauso sensiblen Menschen, wie dich selber triffst, spiegelt er dein Verhalten. Und dann verunsichert ihr euch gegenseitig und du wirst rot.“ 

Damit lag sie ziemlich richtig, denn genauso habe ich es oft erfahren. Zornigen, unsensiblen oder schlicht weg unmenschlichen Menschen gegenüber bin ich nie rot geworden. Bei rücksichtsvollen, nachsichtigen und empfindsamen Menschen hingegen regelmäßig. In diesen Momenten fühtle ich mich ertappt, weil mein Gegenüber meine Schwäche erkannt hat und womöglich gut nachvollziehen konnte, was gerade mit mir passiert. Dieses gegenseitige Durchleuchten ließ die Blutkörperchen bei mir von Kopf bis Hals aufleuchten.
Das ist nur ein kleiner Einblick in die Ursache meines „Errötens“ und soll zu verstehen geben, wie unterschiedlich der Ursprung dieses Phänomens ist. Nicht jeder, der rot wird, ist schüchtern oder hat einen Fehler gemacht. Nicht jeder schämt sich, nicht jeder ist wütend, nicht jeder fühlt sich ertappt.

Der gesellschaftliche Fingerzeig

Ein gesellschaftlicher Fingerzeig ist für mich eigentlich positiv besetzt. Er repräsentiert die Stimme eine Gruppe, soll Probleme und  Missstände aufzeigen. Ab und an passiert es aber leider auch, dass dieser Fingerzeig ausgenutzt wird, um andere Menschen zu verunsichern und auf ihre Schwächen aufmerksam zu machen. Dieser Hinweis, dieser Fingerzeig ist unnötig. Wie oft habe ich von Mitschülern Sprüche, wie „Guckt mal, die wird ja rot“ oder von Lehrern „Du brauchst jetzt nicht rot zu werden“ gehört. In diesen Situationen habe ich mir gewünscht, mein Gegenüber wäre sich bewusst über die Dummheit dieser Äußerung und wäre klug genug zu reflektieren, wie beschämend er sich gerade verhalten hat. Das passiert leider selten.
Obwohl doch mindestens jeder zehnte oder jeder zwanzigste Mensch mit dem „rot werden“ zu kämpfen hat, gibt es erschreckend viele Menschen, die unsensibel damit umgehen und meinen mit oben beschriebenen Kommentaren die Situation ertragbarer zu machen. Fehlanzeige!

Selbstheilende Prozesse

Sobald Dinge oder Prozesse zu einer Selbstverständlichkeit werden, gehen sie unter, verlieren an Bedeutung und geben ihre Mittelpunkts-Stellung auf. Ich habe es irgendwann, in der zehnten oder elften Klasse, geschafft meine „Schwäche“ hinzunehmen, nicht weiter dagegen anzukämpfen und falls ich erröte nichts dagegen zutun, sondern einfach weiter zu reden, zu laufen oder zu lachen. Jetzt, nach Abitur und Uni, weiss ich gar nicht mehr genau, wann ich das letzte mal rot geworden bin, aber das Gefühl, das mir diese Momente beschert haben, werde ich nie vergessen. Das ist auch gut, denn es hat mich zu einem empathischen Menschen gemacht, der die Unsicherheiten seiner Mitmenschen erkennt, aber nicht für sich nutzt.
Man kann also gestärkt aus solchen Lebensphasen herausgehen, offen darüber reden und hoffen damit anderen Menschen, die mitten drin stecken, Mut zuzusprechen: Es wird besser und es macht dich feinfühliger.
Stolz und ehrlich mit Phänomenen umzugehen, die von der Gesellschaft als „Schwäche“ gewertet werden, braucht Zeit, aber die vergeht schnell und bis dahin gibt es immer noch hoffentlich verständnisvolle Eltern, zuverlässige Freunde und flauschige Vierbeiner, die dich für genau das lieben.

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3 Comments

  • Reply Elsa Januar 24, 2017 at 4:48 pm

    Hallo Flora, so ein gefühlvoller Text von dir! Vorweg, so schlimm ist es auch bei mir nicht mit dem Rotwerden, doch in Situationen, die mir unangenehm sind, werde ich ab und zu rot… Das kann in Gesprächen mit engsten Familienmitgliedern sein, gerade wenn es über Gefühle geht. Auch wenn ich weiß, dass ich mich ihnen zu 100% anvertrauen kann, bin ich doch irgendwie unsicher (und werde rot). Allerdings trifft deine Schlussfolgerung auch bei mir zu: Bei zornigen, unsensiblen, nicht empathischen Menschen gegenüber werde nie rot. Bei rücksichtsvollen, nachsichtigen und empfindsamen Menschen hingegen schon. Allerdings stehe ich mittlerweile (in den meisten Fällen) darüber! Ich versuche mein Rotwerden zu überspielen und ganz „normal“ weiter zu reden… Und wie gesagt, ich werde nicht rot wie eine Tomate, sondern mir wird vor allem warm und ich habe rote Wangen – also ist es äußerlich wahrscheinlich auch nicht so arg zu erkennen – trotzdem sehe ich das Rotwerden bei mir schon als „kleines Problem“.
    Ganz viele liebe Grüße an dich aus Berlin, Elsa 🙂

  • Reply Lena Januar 24, 2017 at 5:03 pm

    Liebe Flora,
    ein toller Beitrag, der das Thema mal fernab von ausschließlich ‚wissenschaftlichen‘ Erklärungen beleuchtet. Ich werde die ‚Kritik‘ eines Mitschülers nach einem Referat zur Abizeit nie vergessen,als es hieß ‚du bist total rot geworden‘.Heute lache ich darüber, aber in dieser Situation war es nur unangehem und dumm zugleich. Oft wird es von anderen als Schwäche dargestellt, aber ich finde es bei meinem Gegenüber sympathisch zu sehen,dass jemand emotional und sensibel reagiert. Durch meinen Job hat sich das Rotwerden mittlerweile fast erledigt,aber in Zeiten in denen man sich nicht wohl in seiner Haut fühlt,kommt es wieder. Dann aber in ganz banalen Situationen 🙂
    Liebe Grüße,
    Lena

  • Reply Silvi Januar 24, 2017 at 11:05 pm

    Du hast so ja so Recht! 💓

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