Leben

|on my mind| Die gesellschaftliche Verachtung von Stillstand

August 17, 2016

In unserer leistungsorientierten Gesellschaft hat der Begriff Stillstand in den letzten Jahren einen pejorativen Charakter zugeschrieben bekommen. Stillstand bedeutet nicht länger Einklang mit dem Selbst, Zufriedenheit und Ruhe, sondern Langeweile, Faulheit und Ambitionslosigkeit. Stillstand wird verachtet. Wer zu lange den gleichen Job hat, dem fehlt es an Ehrgeiz, wer in jungen Jahren in einer festen Beziehung lebt, fehlt es an Anspruch und Abenteuerlust und wer seine Haare noch nie gefärbt oder seine Ohren noch nie gepierct hat, ist ein langweiliger Freak.
Warum ist das so? Stillstand war doch mal der Zustand, den man nach harter Arbeit und viel Glück erreicht hat und leben kann, wenn man zufrieden mit einer ganzheitlichen Situation ist. Stillstand durfte genossen und bewundert werden, ohne sich dafür zu schämen und war ein kostbares Gut. Wenn heute etwas, zum Beispiel die Karriere oder der Kontostand nicht wächst, muss es verändert, gepusht und geölt werden. Mut zum Rückschritt ist lieber gesehen, als still zu stehen. Hauptsache wir leben unser Leben mit vielen Veränderungen, ständig neuen Überraschungen, Freundeskreisen oder kulinarischen Trends. Für mich einer der größten Rückschritte, den die Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten gemacht hat.

Generation Auslandssemester

Ich bin in der Generation Auslandssemester groß geworden. Schuljahre oder Universitätssemester im Ausland zu verbringen wurde bezahlbar und somit einer breiten Masse an ambitionierten und kulturell neugierigen Halbstarken zugänglich. Versteht mich nicht falsch, Reisen und Lernen in einem neuen Umfeld kann fabelhaft sein, aber was ist in dieser Generation mit denjenigen passiert, die nicht ins Ausland wollten und keine Lust dazu hatten ihr Leben für einen begrenzten Zeitraum auf den Kopf zu stellen? Mit denjenigen, die zufrieden mit dem waren, was da war und sich dem Ausland-Trend nicht gebeugt haben?
„Dir würde es vielleicht gut tun, dich in einem neuen Umfeld zu integrieren“, „In einem Jahr im Ausland lernst du so viel, wie sonst in zehn Jahren“, „Die Erfahrung kann dir niemand mehr nehmen“ – ich weiss nicht, wie oft ich diese haarsträubenden Sätze in meinem Leben gehört habe, aber sie haben das Positive, ein Auslandssemester, für mich zu der Schwanzverlängerung meiner Generation gemacht. Wer sich zur Abrundung des ganzen Spaßes ein bedeutsames Tattoo von einer mexikanischen und am besten zahnlosen Zauberhexe unter die Haut klöppeln lässt, wird bei seiner Rückkehr mit besonders viel Ansehen überschüttet. All das, dieses Streben nach Neuartigem, Außergewöhnlichem und ständiger Veränderung ist mir seit meiner Jugend in regelmäßigen Abständen übel aufgestoßen.
Was ist mit der Fähigkeit auch mal stehen bleiben zu können oder die Kostbarkeit des Moments zu genießen, ohne dabei an den nächsten Schritt denken zu müssen geworden? Was für mich ein erstrebenswertes Ziel ist, fertigt die Gesellschaft als nutzlos und nicht „zielorientiert“ ab.

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Rechtfertigungszwang und Resignation

Wenn von außen immer Ansprüche, Rückfragen und kopfschüttelnde Antworten an einen herangetragen werden, durchläuft man zwei Phasen. Auf den Rechtfertigungszwang und den Versuch Verständnis für seine Liebe zum Stillstand zu erwecken, folgt Resignation. Bis zum frühen Erwachsensein habe ich tatsächlich noch versucht kritischen Nachfragen nach meinem ruhigen Lebensstil, meiner scheinbaren Zufriedenheit und meiner Sympathie gegenüber Menschen, die sich für den Stillstand entschieden haben, zu erklären. Das habe ich irgendwann aufgegeben. Ich bin mittlerweile an einem Punkt angekommen, an dem ich neugierige Fragerunden, die mich bekehren und belehren sollen, nur noch mit einem „Mhm“ oder mit einem eintönigen „Das sehe ich anders“ quittiere und dann beende. Schade! Der Diskurs über unterschiedliche Lebensformen gelingt an dieser Stelle viel zu selten. Der Drang eine homogene Gesellschaft voller Veränderungsbefürworter zu erschaffen ist doch ohnehin witzlos. Das Außergewöhnliche wird zu Norm.

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Langsam und organisch wachsen

Natürlich ist man mit Anfang zwanzig noch viel zu jung für kompletten Stillstand, aber wenn ich von diesem Zustand in meiner Lebenssituation rede, dann auch nicht als endgültiger Status quo, sondern als eine mentale Lebensform, die ruhige Phasen, langsame und organischen Veränderungen in den Mittelpunkt stellt. Dieser Beitrag soll Veränderungen nicht per se schlecht reden, denn sie gehören, genau wie Weiterbildung, Horizonterweiterung und Neues zu einem erfüllten Leben dazu und sind sehr wichtig, aber Veränderungen kommen natürlich. Sie künstlich zu erzeugen oder zwanghaft heraufzubeschwören stört unseren Lebensrhythmus, macht rastlos und unzufrieden. Zumindest aus meiner Perspektive. Ich glaube an Schritt für Schritt und kann Carrie Bradshaw so gut verstehen, wenn sie Mr. Big in einer der ersten Staffeln von Sex and the City fragt, ob er mit ihr stehen bleiben möchte.

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11 Comments

  • Reply Lena August 17, 2016 at 6:12 pm

    Liebe Flora,
    lange Zeit habe ich deinen Blog nur als stille Leserin verfolgt.
    Nach diesem Beitrag möchte ich dir aber nun endlich eine Nachricht dalassen.
    Nicht nur,dass ich mich in diesen Zeilen sehr gut wiedererkannt habe, auch die anderen Artikel sind immer ganz besonders. Sie kommen schlicht daher und man merkt dennoch wie viel Mühe und Liebe in jedem Artikel steckt. Bei dir macht das Lesen noch richtig Spaß, denn du überzeugst mit guten Inhalten ohne ‚ Hipster Anglizismen‘ und außerdem mit wunderschönen Fotos.
    Liebe Grüße,
    Lena

    • Reply Flora August 17, 2016 at 7:34 pm

      Danke, danke, danke <3

  • Reply Anna August 18, 2016 at 5:24 am

    Liebe Flora,

    so ein toller Post, ich stimme dir absolut toll und finde es großartig wie du das hier auf deinem Blog thematisierst.
    Ich kenne diese Situationen auch aus meinem Umfeld und reagiere mittlerweile genau so wie du.

    Liebe Grüße
    Anna

  • Reply Eliza August 18, 2016 at 6:31 am

    Oh Flora, du sprichst mir soooooo aus dem Herzen! Ich habe genau wie du studiert, mich gegen ein Auslandssemester entschieden, aber dafür, zu Hause wohnen zu bleiben und zur Uni zu pendeln. Darüber hinaus habe ich meinen BA in einem eher ungewöhnlichen und dazu geisteswissenschaftlichen Fach gemacht! Du kannst dir vorstellen, was ich zu hören bekomme.
    Ich kämpfe so oft damit, gefühlt nicht den Ansprüchen der Gesellschaft gerecht zu werden. Dabei geht es mir doch so gut. Wieso hat man nicht mehr das Recht für sich selbst seinen Lebensentwurf zu entscheiden? Wieso ist man ohne Großkonzern-Praktikum, guter Beziehung zu den Eltern und Bescheidenheit auf einmal ein Freak?
    Danke daher an deine Worte. Es tut gut zu wissen, dass es da jemanden draußen gibt dem es auch so geht!

    • Reply Flora August 18, 2016 at 10:53 am

      Das klingt sehr, sehr, sehr nach meinem Leben, Problemen und Gedanken – auch für mich ist es fabelhaft zu merken, dass ich nicht mit dieser Perspektive alleine bin.

      <3

  • Reply Carla August 18, 2016 at 6:53 pm

    Liebe Flora,
    was für ein wunderbarer Beitrag! Ich habe mich so oft in meinem Leben irgendwie falsch gefühlt. Wegen meiner Gedanken, den roten Haaren, der Langsamkeit und auch eben deswegen, weil es mich nie nach Mexiko zu einer tätowierenden Kräuterhexe gezogen hat. Ich habe nicht mal Ohrlöcher… Ich find es so wunderbar beruhigend, dass es noch mindestens einen anderen Menschen auf der Welt gibt, dem es ähnlich geht. Bitte mach weiter mit dieser on my mind-Serie! Toll! Wie die Fotos übrigens. Die sind wirklich bezaubernd.
    Alles Liebe!

    • Reply Flora August 18, 2016 at 8:31 pm

      Liebe Carla,

      danke für deinen Kommentar. Ich bin stolz auf meine Leserschaft – genau aus diesem Grund, weil sich in den letzten Jahren eine Gruppe junger Frauen gefunden hat, die sich hier immer wieder austauschen, schöne Nachrichten zurücklassen und sich gegenseitig unterstützen.

      Alles Liebe und noch mal Danke zurück
      Flora <3

  • Reply Christine August 18, 2016 at 8:06 pm

    Seit ich deinen Blog auf Facebook entdeckt habe, lese ich ihn super gerne. Und dieser Artikel spricht wirklich für unsere Generation. Ich habe kein Auslandssemester oder -jahr gemacht, sondern bin zuhause geblieben. Zum Studieren habe ich mich entschlossen 500 km weit weg zu ziehen. Das reicht vollkommen aus und jetzt habe ich das Reisen für mich entdeckt 🙂
    Und ja manchmal möchte man einfach nur mal stehen bleiben. um das Festzuhalten, was in unserer schnellen Zeit abhanden kommt. Momente der Nähe und Freundschaft und nicht nur den Druck. Danke für diesen wunderbaren Beitrag 🙂

    Liebe Grüße
    Christine

    • Reply Flora August 18, 2016 at 8:34 pm

      Lesen ist das Stichwort. Immer, wenn ich so textlästige Beiträge online stelle hoffe ich, dass es wenigstens ein paar Menschen gibt, die sich tatsächlich die Zeit nehmen, um sich mit meinen Gedanken auseinanderzusetzen.
      Wie die Rückmeldungen der letzten Tage zeigen, gibt es unter meinen Leserinnen viele davon und das macht mich wahnsinnig froh.

      Danke für deinen Kommentar und deine Zeit und dafür, dass du ein Stückchen aus deinem Leben mit mir geteilt hast.

      xx
      Flora

  • Reply Larissa August 22, 2016 at 1:57 pm

    Du sprichst mir aus der Seele. Danke dafür, liebe Flora!
    Ich habe dich bisher über die sozialen Medien als Vollgas-Selfmade-Girlboss wahrgenommen, was mich schon häufig motiviert und inspiriert hat. Aber mit diesem Bekenntnis zur Stillstand-Liebe bist du mir nun NOCH sympathischer. 🙂
    Viele liebe Grüße,
    Larissa

    • Reply Flora August 22, 2016 at 10:04 pm

      Ooooh, damit haust du mich jetzt aber noch mal aus den Latschen – auf dem Weg ins Bett so wundervolle Kommentare zu entdecken ist das Beste überhaupt.

      Danke fürs Lesen und Kommentieren, das freut mich so sehr 🙂

      Liebe Grüße
      Flora

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