Leben

|on my mind| Dates sind Vorstellungsgespräche mit Cocktails?

Oktober 6, 2016

Dates können wunderbar oder ziemlich schrecklich sein. So ein „Lala“ oder irgendwas dazwischen gibt es selten, aber der Grusel der Vorstellungsgespräche mit Cocktails fängt schon bei der Bezeichnung „Date“ an. Vielleicht bin ich altmodisch, wenn ich mich gegen Tinder & Co entscheide und die Meinung vertrete, dass ich die besten Männer immer zufällig im Alltag, so zwischen Tür und Angel kennengelernt habe und die aktive Suche nach Mr. Right mehr Krampf als Trumpf ist. In den letzten zwei Jahren habe ich immer mal wieder Männer kennengelernt, die mein Interesse, mal mehr, mal weniger, geweckt haben. Wir sind ausgegangen, haben telefoniert, geschrieben und sind teilweise quer durch Deutschland gefahren, um uns kennenzulernen. Viel davon war reizend, anderes katastrophal gruselig und weil das Schöne zu privat und heilig ist, um es im Internet zu teilen, habe ich für heute eine Auswahl der skurrilen Erfahrungen zusammengeschrieben, die ich auf Dates gemacht habe. Alle zu dem Thema Zeit und dem Sterben der Zufälligkeit.

Der Untergang charmanter Gesprächsführung

Zum Kennenlernen gehört es dazu Fragen zu stellen, sich für sein Gegenüber zu interessieren und so viel wie möglich voneinander zu erfahren – soweit gehe ich mit dem Kennenlern-Blues konform. Ich freue mich über aufrichtiges Interesse an mir und meinem Leben und freue mich selber sehr, wenn mir ein neuer Freund viel von sich, seinen Wünschen und Gedanken erzählt. Alles durchdringende Neugierde, schamlose Fragen und das frühzeitige Übertreten der Grenze zur Privatsphäre finde ich dagegen höchst unangenehm. Ein Date sollte nicht darin bestehen den anderen mit Fragen zu bombardieren, die nächste bereits zu stellen, während die Antwort auf die letzte Frage noch im Raum steht oder noch schlimmer: Ohne auf die Antwort einzugehen, sofort zum nächsten Thema oder, so fühlt es sich an, „Programmpunkt auf der Tagesordnung“ überzugehen.
Wenn man das Gefühl hat, dass ein Date seinen üblichen Fragenkatalog abarbeiten will, ohne Rücksicht auf Verluste, ist schnell die Luft raus. Was ist aus nettem Geplauder, geschickter und charmanter Gesprächsführung geworden? Man muss bei einem Date doch nicht zwanghaft über einander reden, sondern kann über all das sprechen, was interessant ist. Die Konversation über Film, Literatur, Leben, Liebe, Glück und Wünsche verrät ohnehin viel mehr über den anderen. Ich habe mich vor einigen Monaten bei einem Date wiedergefunden, bei dem ich innerlich die Augen verdrehte und auf alle Fragen einsilbig antwortete, aber auch das scheint den Typ „Fragenkatalog“ nicht abzuschrecken: „Wie oft hast du dein Handy in der Hand?“ – „Wie viel verdienst du?“ – „Wie kommst du an Aufträge?“ – „Was frühstückst du gerne?“ – „Was sind deine Ziele für die nächsten Jahre?“ – „Hältst du gerne Händchen?“ – „Was machst du am Wochenende?“ 
Ich habe es irgendwie geschafft mich halbwegs elegant aus der Affäre zu ziehen und fürchte mich seitdem jede Minute vor einem weiteren Anschlag der singlefressenden Männer, mit mehr Fragen als jeder Steuerberater und das Schlimme ist: Dieser Typ Mann ist leider keine Ausnahme, sondern wie es scheint eine neuartige Unterkategorie des alleinlebenden Mannes mittleren Alters.

Durchleuchtung

Die Soziologin in mir stellt sich die Frage, woher der weitverbreitete Drang kommt im Vorfeld, vor ersten gemeinsamen Nächten oder dem Eingehen einer festen Liebesbeziehung, alle Eventualitäten durchsprechen und den Gegenüber komplett durchleuchten zu müssen. In einer Zeit, in der wir unser Leben beinahe komplett selbst gestalten können, jeder seinen festen Zeitplan im Kopf hat und wir durch soziale Medien einen großen Vergleichswert zu anderen Menschen und Lebensentwürfen haben, versuchen viele einen potentiellen Partner in diese Vorstellungen und Pläne einzubauen. Am liebsten besonders effizient und ohne große Kompromisse. Dabei geht es erschreckenderweise nicht nur um das Abgleichen grober Lebensphilosophien, sondern um das pingelig genaue Durchleuchten jeder Faser. Es gibt Männer, die vor dem ersten „Hallo“ wissen wollen, wie die untere Hälfte deines Körpers behaart oder nicht behaart ist, ob du tätowiert bist, ob du regelmäßig Zahnstein entfernen lässt und ob du ausschließlich Bio-Fleisch von Edelrindern kaufst. Alle diese vermeintlichen Kleinigkeiten sind für einen Teil der freilaufenden Männer und vielleicht auch Frauen ein Ausschlusskriterium für ein näheres Kennenlernen. Erschreckend!
Mir ist es eigentlich ziemlich egal, ob mein Auserwählter Brustbehaarung hat oder nicht, ob er lieber Bier und Wein trinkt oder für welche Küche er sich begeistert. Das alles spielt beim Verlieben und Kennenlernen keine wirkliche Rolle und ist absolut zweitrangig. Zumindest versuche ich an dieser romantischen Vorstellung festzuhalten.
Mit meinem Wunsch nach unverfänglichem Kennenlernen und meinem geliebten „Auf sich zukommen lassen“ stößt man in dieser Gesellschaft immer häufiger auf Granit. „Can’t hurry love“ ist außer Kraft gesetzt und durch „effizientes Durchleuchten bei feierlichen Cocktails“ ersetzt worden. Dass ich mir mittlerweile angewöhnt habe mit durchleuchtenden Neurotikern kurzen Prozess zu machen und sie umgehend auf meine schwarze Liste zu setzen, die in den Tiefen meines Handys schlummert, spricht für die Erfahrungswerte der letzten Jahre. Der Zauber des Kennenlernens, der in der vorsichtigen Erkundung und Annäherung liegt, geht viel zu oft verloren und ist für mich der wohl größte Deal-Breaker.

„You can’t hurry love!“


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Hoffnungsschimmer in dunkler Nacht

Weil ich es nicht über mich bringe, einen Text über Liebe und Dating zu schreiben, ohne einen Schimmer an Hoffnung durchblitzen zu lassen, muss ich mich kurz zu den Glanzlichtern bekennen, ihnen an dieser Stelle ein kurzes Augenzwinkern schenken und alle fabelhaften Frauen da draußen wissen lassen: Ja, es gibt sie. Die freundlichen, charmanten, unaufdringlichen und emapthiefähigen Single-Männer. Mit Zeit und Zuversicht tun sich immer wieder gute Zuhörer und rücksichtsvolle Fragensteller auf, die einem meist ganz unverhofft über den Weg laufen. Bis es soweit ist, kann man die neurotischen Durchleuchter ertragen und sie nach einem Abend denjenigen überlassen, die sich über peinliches Zerpflücken bis auf die Haut freuen.

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2 Comments

  • Reply Sternfluestern Oktober 6, 2016 at 9:31 pm

    Oh, liebe Flora! Ich lache gerade so sehr über die Stelle betreffend der Frage nach der Behaarung der unteren Körperhälfte😂! Und ich freue mich darüber, dass ich nicht die Einzige bin die bei einer solchen Frage nur verdutzt mit dem Kopf schütteln kann! Schön ist es auch immer wieder, wenn in den ersten 10 Minuten einer Verabredung die Frage gestellt wird ob in naher Zukunft heiraten und Kinder bekommen möchte, wie viele Kinder man plant und ob man vielleicht schon entsprechende Namen nennen könnte 🙆🏼!
    Danke, für diesen wirklich unterhaltsamen Post und für’s Teilen Deiner Erfahrungen! Es tut gut zu lesen, dass man in diesem „Dating-Business-Wahnsinn“ nicht alleine ist😊! Obwohl ich Dir auch beim letzten Abschnitt zustimmen muss – manchmal entdeckt man auch wirkliche Schätze, man muss nur geduldig sein😊! Alles Liebe, Jana

    • Reply Flora Oktober 7, 2016 at 6:48 am

      <3

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