Leben on my mind

|On my mind| Loyalität bis zum Selbstschaden

Februar 1, 2016

In den letzten Wochen, eigentlich Monaten, habe ich immer wieder über Loyalität nachgedacht. Wenn man mich nach den wichtigsten Charaktereigenschaften eines Menschen fragt, steht Loyalität immer ganz oben auf der Liste. Ich habe mich oft dabei ertappt, wie ich über Loyalität twitter, wie ich in meiner Familie oder vor Freunden Reden über Loyalität schwinge und Menschen, die meinen Ansprüchen an diese Charaktereigenschaft nicht genügen, verurteile oder als skrupellos und rückgratlos bezeichne. Mittlerweile habe ich aber auch gemerkt, dass ein zu ausgeprägter Sinn für Loyalität viele Probleme herbeiführen kann. In der Beziehung zu sich selbst, aber auch zu anderen Menschen.

Was ist Loyalität?

In der Soziologie wird Loyalität in erster Linie in dem Verhältnis zwischen einer Organisation und ihren Mitgliedern thematisiert: „Loyalität ist die Unterstützung die eine Organisation seitens ihrer Nutzer erfährt.“ Dabei werden im besten Fall elementare Werte geteilt, um ein übergeordnetes Ziel gemeinsam zu erreichen. In Loyalität steckt, dass man seine Organisation auch dann verteidigt, beschützt und sich für sie einsetzt, wenn man nicht zu 100 Prozent mit ihrer letzten Tat oder Äußerung übereinstimmt. Weil sich das gemeinsame Ziel dadurch nicht geändert hat, bleibt man in so einer Situation treu und handelt im Sinne der Organisation. Brechen wir diese sperrige Definition also auf unser Privatleben runter: Wir sind loyal, wenn wir zu unserem Partner, zu unserer Familie und Freunden stehen, auch wenn sie Fehler gemacht oder in einer bestimmten Situation nicht so gehandelt haben, wie wir es für richtig gehalten hätten. Wir stärken ihnen den Rücken, verteidigen sie vor dritten, gehen mit ihnen durch Dick und Dünn. Loyalitätserwartungen variieren je nach der Form einer Beziehung. Eine gute Freundin muss andere Anforderungen erfüllen, als ein Ehemann. Umgesetzt werden diese Erwartungen nicht nur durch die oben beschriebenen inneren „Werte“, sondern ebenso durch äußere Handlungen. Stimmen diese beiden Faktoren nicht überein, wenn die innere Einstellung also von den äußeren Handlungen abweicht, entstehen Spannungen und Misstrauen.

Nach außen frei, nach innen treu.

— Flora (@WhiteBudderfly) 2. März 2012

Obwohl dieser Tweet schon über drei Jahre alt ist, weiß ich noch genau aus welchem Gefühlszustand er entstanden ist. Ich steckte in einer Beziehung fest, die von Widersprüchen solcher Art erfüllt war, die mich enttäuscht und verletzt haben. Ich gab aber nicht auf, sondern versuchte damit umzugehen, zu leben und zu arbeiten. Meine Loyalität war stärker als die Enttäuschung, die sich immer weiter in mir ausbreitete.

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Loyalität als Segen

Ich brauche lange, beinahe Ewigkeiten, um Menschen als Freunde oder Vertraute anzuerkennen und habe, wenn es dann mal soweit ist, schon sehr viel Arbeit und Zeit in eine Beziehung gesteckt. Meine zwischenmenschlichen Kontakte sind auf Dauer gebaut und begleiten mich meistens über viele, viele Jahre. Das liegt zum größten Teil daran, dass ich loyal, man kann auch sagen eine treue Socke oder Glucke bin. Das hat den großen Vorteil, dass meine engen Freunde mich schätzen, meine Familie mit dem Vertrauen lebt, sich immer auf mich verlassen zu können und Sorgenträger jederzeit, auch mitten in der Nacht, vor meiner Tür stehen können. Dafür bin ich Loyalität dankbar. Für die Enge und das blinde Vertrauen, das sie zwischen zwei Menschen aufbauen kann. Auch aus beruflicher Sicht ist Loyalität ein hohes Gut. Ich arbeite mit Menschen zusammen, die mich nicht wie eine heiße Kartoffel fallen lassen, wenn ich einen Fehler gemacht habe sowie mich und meine Wünsche berücksichtigen. Dieses Verhalten bringe ich ihnen auch entgegen. Ich bin abrufbereit, wenn sie mich brauchen und ziehe mich nicht schlagartig zurück, sobald ich ein besseres Angebot habe. Loyalität hat nichts mit Unterwerfung zutun. Sie lässt einem Freiraum für die eigene Meinung, grenzt diese aber vor Vertrauensbrüchen und mit ihr verknüpfte Lügen ab.

„Wir spielen die Rolle wir selbst zu sein, aufrichtig spielen wir die aufrichtige Person, mit dem Ergebnis unauthentischer Aufrichtigkeit.“

— Flora (@WhiteBudderfly) 9. Juli 2015

Loyalität als Fluch

In letzter Zeit haben sich die negativen Blickwinkel auf meine so sehr geschätzte und verteidigte Loyalität gehäuft und zwar immer dann, wenn meine Erwartungen an das Gegenüber nicht erfüllt wurden. Immer wieder habe ich erlebt, wie Menschen ohne mit der Wimper zu zucken guten Freunden den Rücken zukehren, wie berufliche Partnerschaften wie Unterhosen gewechselt werden und Vertrauenspersonen austauschbar geworden sind. Sobald kein eigener Nutzen aus einer Beziehung gezogen werden kann oder zu viel Mühe mit der Aufrechterhaltung einhergeht, wird sie mir nichts, dir nichts gekündigt. Enttäuschend! Besonders enttäuschend dann, wenn man selbst bis zum bitteren Ende loyal ist. Wenn man selber nicht mehr merkt, wann man aufhören sollte loyal zu sein, sondern die Anforderung an sich selbst, um jeden Preis loyal seien zu müssen, über die eigene Enttäuschung stellt, kann es böse ausgehen.
Loyalität wird zum Fluch, wenn sie immer nur einseitig besteht und man niemals aufhört zu hoffen, dass man irgendwann das gleiche Maß an Loyalität entgegengebracht bekommt.

Morgen baue ich Loyalität, Spontanität und Martini an.

— Flora (@WhiteBudderfly) 31. Januar 2015

Zu loyale Menschen werden Opfer ihres eigenen Verhaltens und eigentlich gibt es doch nichts traurigeres. Ich will in diesem Jahr versuchen mich vor einer Überdosis an Loyalität zu schützen, auch in der Lage zu sein Dinge oder Beziehungen aus Selbstschutz zu beenden und nicht mehr länger an diesem Traum von Loyalität everywhere festzuhalten.

Ich bin der Trottel der platt gefahren wird, weil ich Rücksicht auf eine Krücke genommen habe.

— Flora (@WhiteBudderfly) January 25, 2016

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14 Comments

  • Reply Caro Februar 1, 2016 at 6:07 pm

    Ein wirklich toller Text, der sehr schön geschrieben ist.
    Du hast so Recht, dass Loyalität auch zum Fluch werden kann, das stelle ich auch ab und an fest.

    Liebe Grüße
    Caro
    http://perfectionofglam.blogspot.de

    • Reply Flora Februar 1, 2016 at 6:59 pm

      Danke, Caro!

  • Reply Lea Februar 1, 2016 at 6:58 pm

    Super geschrieben Flori – kann ich genau so unterschreiben! ♥

    • Reply Flora Februar 1, 2016 at 6:58 pm

      My BFF <3

  • Reply Rebecca Februar 1, 2016 at 7:09 pm

    Toller Text, der wirklich zum Nachdenken anregt. Das mit der Loyalität ist wahrlich keine einfache Sache!
    Ich finde, du hast einen sehr angenehmen und reflektierten Schreibstil, wenn man das so sagen kann. 😉
    Hoffentlich teilst du noch öfters deine Gedanken mit uns!
    LG,
    Rebecca

    • Reply Flora Februar 1, 2016 at 7:28 pm

      Vielen Dank, das werde ich ganz bestimmt 🙂

  • Reply Sophie Februar 1, 2016 at 10:54 pm

    Ein ganz wundervoller Text, der mich sehr nachdenklich gestimmt hat. Auch bei mir ist Loyalität immer ein persönlich wichtiges und großes Thema gewesen. Des öfteren ertappe ich mich beim loyalen Selbstbetrug auf Raten. Wenn ich mich da jetzt nicht umständlich ausgedrückt habe 😉
    Ich habe mich jedenfalls sehr wieder gefunden in deinem Text; bitte bitte sehr gerne mehr davon.
    Liebst,
    Sophie

    • Reply Flora Februar 1, 2016 at 11:04 pm

      Liebe Sophie,

      ich weiss genau, was du mit „loyalen Selbstbetrug auf Raten“ meinst – sehr treffen!

  • Reply Dorothee Februar 1, 2016 at 11:08 pm

    Sehr schöner Text! Ich musste dabei an ein passendes Zitat von Harvey Specter aus Suits denken:
    Loyalty is a two-way street. If I’m asking for it from you, then you’re getting it from me.

    Liebe Grüße
    Dorothee

    • Reply Flora Februar 2, 2016 at 7:53 am

      Danke!
      Wie cool und passend – ich wollte Suits schon immer mal gucken. Jetzt muss ich mir die Serie dringend besorgen <3

      • Reply Dorothee Februar 2, 2016 at 9:15 am

        Oh ja, die musst du dir unbedingt angucken! 😉

  • Reply M&MFASHIONBITES Februar 2, 2016 at 6:11 pm

    Nice photos 🙂
    Maria V.

  • Reply Lisa Februar 4, 2016 at 9:19 am

    Sehr treffend und wahr!
    Lange Zeit war mir nicht bewusst, worauf Loyalität überhaupt fußt und wie sie aufrecht erhalten oder aber zerstört werden kann.
    Aus heutiger Sicht würde ich durch meine zwischenmenschlichen Erfahrungen fast behaupten, dass Loyalität nicht primär auf Liebe und Treue zum anderen, auf Wertschätzung des anderen Charakters basiert, sondern vor allem auf Reflektion und Selbsterkenntnis. Dazu gehört für mich, sich seinem Bild von einer guten Freundschaft oder Partnerschaft vor Augen zu führen, Moral nicht als festes Gebilde, sondern als Sammlung von sich wandelnden persönlichen Werten zu sehen und – sehr wichtig – sich auch mal selbst in Frage stellen zu können. Gute Freunde sind für mich nicht unbedingt Menschen, die sich voll und ganz selbst annehmen; sondern diejenigen, die den Mut zum Fragezeichen haben.
    Nach meiner Erfahrung sind illoyale Menschen charakterlich noch gar nicht so weit und suchen sich kurzweilige „Lebensabschnittsgefährten“ in ihrer Umgabung – nicht, um sich selbst zu finden, sondern um sich selbst stets als Spiegelbild in der Außenwelt bestätigt zu sehen. Und was braucht es da noch andere Kontakte, die früher einmal wichtig waren?
    Loyalität kann nur entstehen und aufrecht erhalten werden, wenn man über den Tellerrand hinaus schaut und das Andersartige sieht, versteht und als eine von vielen tausenden Optionen annimmt – und sich nicht abschottet in der Angst, selbst nicht genug auf dem Teller zu haben.

    • Reply Flora Februar 4, 2016 at 9:26 am

      OMG – anders kann ich auf deinen Kommentar nicht reagieren: WORD!!!!!!!!
      Danke dafür <3

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